Libyen aus orlovscher Kollaps-Perspektive

Der Blogger Dmitry Orlov, in Boston auf einem Segelschiff zu Hause, ist von Beruf Ingenieur und übersiedelte als Kind mit seiner Familie von Russland in die USA. Er ist überzeugt, dass die ganze Welt mehr oder weniger den Bach runter geht, sobald das Ölfördermaximum von 2008 seine Wirkung zeigt. Seine Analyse des libyschen Bürgerkriegs und des schillernden Führers Gaddafi halte ich für die treffendste seit Beginn der Unruhen. Deshalb habe ich sie ins Deutsche übersetzt.


Das Imperium fällt auf die Nase

Dmitry Orlov, 8.März

Ramon Tikaram in Gaddafi: A Living Myth

Ramon Tikaram in Gaddafi: A Living Myth

Tunesien, Aegypten, Libyen…nun, meine Kinder, eins dieser drei Dinge ist anders als die anderen. Welches wohl? Richtig! Libyen wurde nicht und wird zu einem beträchtlichen Teil immer noch nicht von einem Diktator regiert, der ein Handlanger des Westens ist. Man kann über ihn sagen, was man will, Muhammar Gaddafi ist ein Phänomen. Im Kontrast zu seiner unvergleichlichen, grellen Persönlichkeit sind Tunesiens Zia El Abidine ben Ali und Aegyptens teuflisch dicker Hosni Mubarak schlicht Nullen.

Sicher, alle drei sind Diktatoren. Aber man braucht sich die Region nur mal anzuschauen und zu fragen wer kein Diktator ist. Sogar der römische Senat wählte in schwierigen Zeiten einen Diktator. Und wann gab es keine schwierigen Zeiten in dieser Region? Gaddafi meidet die Idee des Nationalstaats, von arabischem Nationalismus und repräsentativer Demokratie. Er verbietet sogar politische Parteien. Er ist ein Stammesfürst. Er unterstützt islamischen Sozialismus und seine Vorstellung von Demokratie ist die von Stammesführern, welche mit Bitten und Klagen zu ihm kommen, so dass er in seiner Grosszügigkeit Gerechtigkeit walten lassen kann. Er sieht sich als eine Art König. Ein König der Könige. Er mag alle Arten von afrikanischen Stämmen, nicht nur arabische; er ist sehr angetan von afrikanischer Einheit angesichts der westlichen Unterdrückung. Ihn würde es wahrscheinlich nicht stören, sie alle anzuführen. Er ist offensichtlich ein Grüner.

Versteckt er sich vor der Flagge?

Versteckt er sich vor der Flagge?

Während die westlichen Führer von der tunesischen Revolte überrascht wurden und sich im unklaren waren, was sie von der aegyptischen halten sollten (vielleicht gerade noch fähig, sich zur Entscheidung durchzuringen, dass Mubarak gehen soll) waren sie sich von Anfang an einig : Gaddafi an der Macht zu lassen, würde das politische und wirtschaftliche Desaster – wohin der revolutionäre Trend bereits zielt – in der Zehnerpotenz vergrössern. Gaddafi musste gehen. Deshalb wurde leise eine sofortige Unterstützung für jeglicher Art von Aufmüpfigkeit angedeutet, die Stämme zeigen würden, welche ihm nicht völlig treu waren. Sie haben scheinbar ziemlich schlecht kalkuliert, und nun werden wir Zeugen einer ganzen Serie peinlicher Vorgänge, wie zum Beispiel der umgehend in die Öffentlichkeit durchgesickerten Anfrage Obamas an die Saudis, den Libyschen Rebellen zu helfen oder der britischen « diplomatischen » Mission, die das Land mit Waffen und Sprengstoff aufsuchte und von den Rebellen abgefangen wurde. Diese beginnen ohne Zweifel allmählich zu verstehen, dass ihre revolutionäre Übung für sie nicht allzu positiv verläuft. Es war ein Fehler, Libyen als Land zu behandeln, in welchem Demonstranten Bürgerrechte haben. Libyen ist anderes. Man muss sehr weit in der Geschichte zurückgehen, um etwas Vergleichbares zu finden. Vielleicht ist das antike Karthago, dem es fast gelang, Rom einzusacken und den Lauf der Weltgeschichte zu ändern eine passende nordafrikanische Analogie.

Zia schwört, für immer im Amt zu bleiben.

Zia schwört, für immer im Amt zu bleiben.

Gaddafis Präsenz im Pantheon der nationalen Führer, die es wagten den Vereinigten Staaten zu trotzen – wo er neben Fidel Castro, Hugo Chavez, Kim Jong II und Mahmud Ahmadinedjad thront– ist genug, um seine Entfernung zu garantieren und Libyen in einen von der NATO ausgebombten, funktionsunfähigen Drogenstaat wie Kosovo oder Afghanistan zu verwandeln. Aber unabhängig davon wird seine politische Philosophie, die er jamāhīriyyah – « Staat der Massen » nannte, in vielen anderen kollabierenden National-Staaten eine Chance haben. Die Revolutionen, welche sich nun rund um den Globus ausbreiten, sind im Prinzip Hungeraufstände: katastrophale Ernten wegen Hitzewellen und Fluten rund um den Globus, die von der steigenden Erwärmung verursacht werden, haben die Nahrungsmittelpreise in die Höhe schnellen lassen.

Es ist eher ungewöhnlich für eine Demokratie (im legalistisch westlichen Sinne) Erfolg zu haben, wenn die Mägen leer sind. Man erwartet eher einen oder zwei Hitlerputschs, eine Kristallnacht und vielleicht einen brennenden Reichstag. Gaddafis sozialistisch-islamischer Stammeskult könnte erfolgreich sein, wenn weitere Nationalstaaten zusammenbrechen, wenn nationale Grenzen sich auflösen und inter-ethnische Konflikte und provisorische Bündnisse die so hübsch und gerade gezogenen Linien der westlichen Kolonialherren ausradieren. Aus all diesen Gründen muss, nach westlicher Logik, Gaddafi abgesetzt werden. Die Frage ist: kann der Westen der Situation noch gerecht werden oder ist er innerlich zu zerstritten, senil und erschöpft? Wir werden es bald wissen. Ich glaube nicht, dass es die Ungewissheit lange dauert. Die libyschen Wirrnisse allein haben die Ölpreise über den Schwellenwert gedrückt, den die Internationale Energieagentur kürzlich als den Schwellenwert bezeichnet hat, jenseits dessen westliche Volkswirtschaften zusammenbrechen. Das geschieht, wenn der Aufwand für Öl 5% des BIP überschreitet. (Diese Idee kommt übrigens ursprünglich von François Cellier, der sie brauchte, um die Finanzkrise von 2008 zu erklären. Die Mühlen der intenationalen Agenturen mahlen langsam.) Dieser Prozess des Zusammenbruchs wird alle verbliebenen Energien in den westlichen Ländern (physische als auch mentale) nach innen umlenken, um eine innere Revolte zu verhindern oder einzuschränken, ohne irgendwelche Reserven für Abenteuer in Libyen oder sonstwo in der Welt übrig zu haben.

Für eine Weile noch werden wir die Welt auf einer Reihe von modischen, kleinen, elektronischen Geräten brennen sehen. Aber früher als man vielleicht erwartet, werden die Tweets und die Videos versiegen und die Bildschirme schwarz bleiben, so wie es in Libyen bereits geschah. Ja, unvorstellbares Grauen ist unterwegs und man kann nichts das geringste dagegen tun. Man ist wohl für sich und die eigene Familie am besten dran, wenn man den Rat von Voltaires Candide befolgt und seinen eigenen Garten kultiviert. Ich bin kein religiöser Mensch, aber manchmal zitiere ich gerne einen Evangelisten (oder in diesem Fall zwei – Matthias 8:22 und Lukas 9:60) « …lass die Toten die Toten begraben. »


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