1812 und der Aufstand der Muschis

Drei Damen der Punkband Pussy Riot wurden zu zwei Jahren Arbeitslager verdonnert. Und zwar wegen Rowdytum, nicht wegen Blasphemie, wie Kyrill, das Oberhaupt der Kirche die Aktion in der grössten Kathedrale Moskaus bezeichnete. Hier ein Video der Sprengung der ersten Version dieser Kathedrale im Dezember 1931. Lazar Kaganovich, der Wahlhelfer und Schlächter von Stalin soll auf ihren Trümmern gesagt haben: „Mutter Russland ist niedergeworfen. Wir haben sie ihrer Röcke beraubt!“

Die Kathedrale wurde nach dem Ende der Sowjetzeit in kürzester Frist wieder aufgebaut und im Jahr 2000 eingeweiht. Übrigens, die berühmte Ouvertüre 1812 von Tchaikovskij, welche auch im Film „V for Vendetta“ wieder auftaucht, wurde von diesem widerwillig für die Einweihung des Baus im Jahre 1883 komponiert. Ein Bau, der den Sieg Russlands über die Armeen Napoleons feiern sollte. Die Allianz von Kirche und Staat ist in Russland also nichts Neues. Auf Youtube sind sogar orthodoxe Priester bei der Segnung von Panzern der russischen Armee zu betrachten. Ende des Exkurses.

Ein paar Vergleiche. In Deutschland wurde ein Mann 2006 aufgrund eines ähnlichen Deliktes immerhin zu 5 Monaten Haft verurteilt. In den vereinigten Staaten wurde eine Neonazi zu 39 Jahren Haft verurteilt, nachdem er nachts einen Molotowcocktail in eine leere Synagoge geworfen hatte und dabei ein Fenster und eine Mauer zu Schaden kam. Dass die drei Frauen bestraft werden mussten, liegt also auf der Hand. Das ist internationaler Standard. Wenn ich in irgendeiner öffentlichen Institution nackt auf den Tischen herumtanze und mich zum Beispiel aus Protest gegen die Nutztierhaltung mit warmem Kuhmist übergiesse ist das Hausfriedensbuch. Wenn der Direktor dieser öffentlichen Institution nachweislich mit der Nutztierlobby unter einer Decke steckt, dann wird man meine Aktion zwar als „von öffentlichem Belang“ klassieren, nicht als private Spinnerei, aber am Hausfriedensbruch ändert es nichts. Es gibt in Moskau eine Menge andere, schöne Orte, wo man zur Jungfrau Maria beten kann, sie möge uns von Putin erlösen. Wenn man die orthodoxe Kirche als unchristlich empfindet, hat man auch das Recht eine eigene Kirche im Geiste Jesu zu gründen. Zu Zeiten Zwinglis war das nicht so einfach. Der Zürcher Felix Manz wurde von der Obrigkeit in der Limmat ertränkt, weil er sich nicht dem reformatorischen Projekt seines Konkurrenten Zwingli anschliessen wollte. Er hatte seine eigenen Vorstellungen vom Reich Gottes.

Russland ist neben Israel eines der wenigen, modern organisierten und industrialisierten Länder, wo es eine enge Verflechtung zwischen Kirche und Staat gibt. Obwohl sich das in der russischen Gesetzgebung viel weniger stark bemerkbar macht, als in der Israelischen, wo zum Beispiel nach wie vor kein Nicht-Jude das gleiche Bürgerrecht wie ein Jude erwerben kann. Deshalb wurden die Mädchen in Russland nicht wegen Blasphemie verurteilt, während in einem vergleichbaren Fall in Israel die Geschichte vielleicht ein bisschen anders abgelaufen wäre. Den Frauen war aber wohl sehr klar, dass sie sich mit dieser Aktion zu Märyterinnen machen würden. Das scheint ihrem psychologischen Profil zu entsprechen. Schauen wir also einmal ein wenig genauer, was die jungen Frauen animiert und was sie, neben ihren Aktionen in der Kathedrale sonst noch getrieben haben. Zum Beispiel mit der Kunstgruppe „Vainá“ (Krieg).

Aktion der Gruppe „Vainá“ (Krieg) im Naturkundemuseum

Frau Tolokonnikova, eine der Verurteilten der Pussy Riot, ist auf dem Foto aus dem Jahr 2008 beim angedeuteten Geschlechtsverkehr zu sehen. Soweit ich verstanden habe, handelte es sich bei der Aktion um einen ironischen Aufruf, im Namen des Bären fruchtbar zu sein und ihm symbolisch seine Energie zu spenden. Deshalb fand die Aktion im Naturkundemuseum statt. Wahrscheinlich ist sie als Anspielung auf den damaligen, neu gewählten Präsidenten Dmitry Medvedev zu verstehen, denn „medved“ heisst auf russisch Bär. Herr Medvedev ist also ganz einfach Herr Bär. (er hat meiner Meinung nach zwar eher ein Gummibärchengesicht). Mehrere Mitglieder der Gruppe wurden wiederholt verhaftet und sassen im Gefängnis. Die Hauptakteure sind alles andere als Leichtgewichte. Sie wollen die Kunst der Dekabristen weiterpflegen. Dazu gehört das konstante Leben am Limit, ohne festen Wohnsitz, Arbeit oder Unterstützung eines Galeristen. Die Aktionen sind grundsätzlich kulturkritisch zu verstehen und richten sich entweder gegen Staat und Kirche oder Symbole des Kapitalismus wie Mc Donnalds oder Supermärkte. Mafia, Banken, westliche Mediendiktatur, Amerikanischer Imperialismus und Geheimbünde scheinen den wackeren Künstlern weniger ein Dorn im Auge zu sein. Weshalb gewisse Stimmen in Russland auch vermuten, dass die Gruppe insgeheim genau von diesen Kreisen unterstützt wird.

Meiner Meinung nach werden sie von diesen Kreisen nicht unterstützt, aber sehr gerne gesehen. Jede Polemik, die von der Macht der Drahtzieher hinter den Kulissen ablenkt, ist ihnen ein willkommenes Geschenk. Jeder Idiot des schwarzen Blocks, der Pflastersteine in Schaufenster wirft, lässt vergessen, wieviele Menschen von Rohstoff-Spekulanten zur gleichen Zeit in den Tod getrieben werden und wieviele Soldaten von Waffenfabrikanten auf andere Soldaten gehetzt werden, um ihre Kasse zu füllen. Meiner Meinung nach sind die jungen Frauen nützliche Idioten. Sie unterschätzten wohl ganz gewaltig die geballte Symbolkraft dieser Kirche und ihrer Geschichte. Eine Geschichte mit vielen unbekannten Facetten, zum Beispiel jener, dass Lenin von der Wall Street unterstützt wurde, um den Kommunismus einzuführen, der Tatsache, dass Kaganovich mithalf Kirov zu Gunsten von Stalin kaltzustellen, eine Geschichte also, deren Fäden, wie so oft, in der City of London und in New York zusammenlaufen, in den Gemäuern der FED und ihrer Besitzer, einer Handvoll Privatbankiers. In diesem Sinne ist diese Kirche durchaus ein authentisches Symbol des Widerstands gegen die zerstörerische Macht der Bankiers und die Pussies hätten ein vitales Interesse daran, den Aufstand mit ihr und nicht gegen sie zu proben. Vergessen wir nicht, das Kirchenschiff ist ein sehr mächtiges Symbol der Mutter, der Frau, des Uterus. In diesem Zusammenhang wäre es avantgardistischer gewesen, die Jungfrau Maria um ein Minaret neben der Kathedrale zu bitten, um zu verhindern, dass sie fremdgeht. (der Kreml befindet sich übrigens in Sichtweite ;-)).

Mehr zum Thema Pussy Riot in einem journalistisch vorbildlichen und informativen Artikel von Ulrich M. Schmid in der NZZ. Nicht, dass ich deshalb die Berichterstattung der NZZ im Allgemeinen loben möchte, in Syrien versagt sie genau wie die aller anderen Zeitungen des Westens. Aber wie sagt man so schön: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Noch ausführlicher ist Friederike Beck bei Zeitgeist Online. Dort erfährt man auch mehr über eine Frau im Hintergrund des Muschiaufstandes. Sie heisst Oksana Tschelschewa und arbeitete schon für das NED (National Endowment of Freedom), die sogenannte Open Society des Spekulanten George Soros sowie den Ex-Schachmeister Kasparow, der am letzten Bilderbergertreffen teilnahm.

Sehr kompetent auch der Artikel von Israel Adam Shamir, der mit Abstand am ausführlichsten ist und auf eine Menge einzelner Protagonisten in der Oppositionsbewegung eingeht.

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