Tucholsky-Style

Richard Kerschhofer hat ein Gedicht im Tucholsky-Stil verfasst. Es ist so gut gemacht, dass es auf dem Internet als Gedicht von Tucholsky zu zirkulieren begann, trotz Begriffen wie Derivate, die damals im Kontext von Raubritterkapitalismus nicht benutzt wurden. An der Wahrhaftigkeit des Inhalts des Gedichtes ändert sich damit selbstverständlich nichts.

Amüsantes Detail der Geschichte, Richard Kerschhofer schreibt traditionell für sogenannte rechtsgerichtete Zeitungen wie „Zeitbühne“ und „Wiener Zeitung“, während Tucholsky traditionell eine Identifikationsfigur der Linken ist. Deshalb haben einige linksgerichtete Webseiten das Gedicht wieder gelöscht, nachdem sie erfahren haben, wer der Verfasser ist. Divide et impera lässt grüssen…

Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft‘ s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

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